Archiv für den Monat Mai 2015

Leuchtfeuer unter Berufsschulen

Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage

Göttingen. Die BBS II Göttingen hat es geschafft. Seit März 2015 gehören auch die Berufsbildenden Schulen II zur “Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage”. Im März 2015 erreichte uns der Brief, dass wir es geschafft haben und nun den lang ersehnten Titel tragen und das Logo für unsere Projekte und beim Briefverkehr benutzen dürfen. Wir werden dazu noch in diesem Schuljahr einen offiziellen Termin bekannt gegeben, an dem unser Pate  Landrat Bernhard Reuter uns die Schilder überreichen wird. 

Es ist eine große Ehre für uns, nun auch zu den Schulen zu gehören, in der Projekte Schule machen!

„Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ („SOR-SMC“) ist ein Projekt von und für Schüler/innen, die gegen alle Formen von Diskriminierung, insbesondere Rassismus, aktiv vorgehen und einen Beitrag zu einer gewaltfreien, demokratischen Gesellschaft leisten wollen.

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Wir haben dazu bereits einen Blog ins Netz gestellt – der gegen alle Formen von Extremismus argumentiert und Demokratie stärken soll. 2011 wurden wir dafür schon mal ausgezeichnet. Es war uns daher ein großes Anliegen auch hier bei diesem Projekt zu punkten. 

Es erfüllt uns mit Stolz, mit unserem Engagement und Projekten nun auch zu diesen Schulen zu gehören, die “Gegen Rassismus, gegen Mobbing und Diskriminierung vorgehen und Courage zu Würdigen wissen.”

Es war ein langer Weg und er bedurfte zwei Anläufe. Seit 2012 versuchen wir in unserer Schule für “Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage” zu werben. Aber leider gelang es uns nie mehr als 40 % der zu leistenden Unterschriften vom Kollegium, Personal, Auszubildenden und Schüler zu bekommen.

Wir mussten einsehen, dass es in einer so großen Schule fast unmöglich ist, dies nur den Schülerinnen und Schülern zu überlassen. Daher haben diesmal wirklich alle mitgewirkt und die Schülerinnen und Schüler unterstützt, das wirklich hohe Ziel zu erreichen. Dafür an alle Mitwirkenden nochmal unser Dank. Wirklich eine tolle Leistung!

In diesem Jahr gelang uns der Durchbruch.

Gleich zu Beginn des Schuljahres 2014 wurde auf sämtlichen Sitzungen, durch Plakate und Informationsbriefe erneut auf das Projekt aufmerksam gemacht. Ein Ruck ging durch die Schule und Ende Februar 2015 war es endlich so weit. Mit 73% aller Schulmitglieder gelang es uns nun endlich der Durchbruch.

Ab jetzt darf sich die BBS II Göttingen auch “Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage” nennen. Dies ist ein erneutes Leuchtfeuer unter den Berufsschulen. Gerade in den Berufsbildenden Schulen, die ein Auffangbecken für unterschiedlichste Menschen und Gruppen ist, ist dies ein wirklich überragendes Ziel. Neben den unterschiedlichsten Schulformen, treffen hier auch unterschiedliche Kulturen, Berufe und Schülergruppen aufeinander. Daher bedeutet uns der Titel sehr viel. Er zeugt von Verständnis, Toleranz, kultureller Vielfalt und den richtigen Weg die Internationalisierung von Schule voranzutreiben.

Sibylle Meyer

25 Jahre Mauerfall – Ein Rückblick auf die Außenseiter der DDR – Homosexualität

Göttingen 2015 – »Anders sein. Außenseiter in der DDR« ist eine Themenreihe, die sich eine kleine Gruppe des Beruflichen Gymnasiums, kurz BGT zur Aufgabe gemacht hat. Wir wollen hier kleine Artikel zu folgenden Themen veröffentlichen:

6Anderssein-Blog

Unser heutiger Artikel berichtet über:

Homosexualität in der DDR

Am 17. Oktober 2014 wurde es unserer Klasse möglich anhand eines Zeitzeugengesprächs mit Holger Girr, näheres über Homosexualität in der DDR zu erfahren.

Dass Homosexualität in der damaligen DDR bis 1968 verboten war, ist den meisten Leuten bekannt. Trotzdem gibt es noch immer viele Fragen zu diesem Thema – Die möchten wir durch Antworten aus einem Interview mit einem Zeitzeugen, der den Künstlernamen Holly Hocker trägt, beantworten. Dabei werden die Ausmaße der Intoleranz gegenüber Homosexuellen in der DDR deutlich.

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QR- Code für ein Gedicht von holly hocker aus seinem Gedichtband

Zuerst einmal fragen wir uns: Inwiefern wurden Homosexuelle in der Gesellschaft akzeptiert? Bis 1968 gab es in dem Gesetz der DDR den Paragraphen 175, nach dem tausende homosexuelle Männer verurteilt und ins Gefängnis oder ins Zuchthaus gesperrt wurden. Obwohl 1968 der Schwulenparagraph 175 gestrichen wurde, bekamen Homosexuelle offiziell weder Akzeptanz noch Gleichberechtigung in der DDR-Gesellschaft. Dies sah in einigen größeren Städten der DDR, wie z.B. in Berlin anders aus. Hier gab es sogar ab den 68iger Jahren Schwulenbewegungen, doch in den dörflicheren Regionen der DDR waren Schwule nach wie vor nicht gern gesehen.

Des Weiteren möchten wir auf das Leben und die Erfahrungen unsere Zeitzeugen eingehen.

Unser Zeuge Holly Hocker wurde in Schwerin geboren und ist in der Deutschen demokratischen Republik, zusammen mit drei weiteren Geschwistern, aufgewachsen. Er hatte durch eine seltene Hormonkrankheit und den Mord an seinem Vater bereits in frühen Jahren kein leichtes Leben.

Holly Hocker besuchte zehn Jahre lang die Schule und machte eine Lehre, wie die meisten Kinder damals. Er entschied sich für eine Ausbildung zum Finanzkaufmann und wurde mit 16 Jahren jüngster Versicherungsinspektor in der DDR.

Der Zeuge berichtet, dass ihm solange er in der DDR gelebt hatte nicht bewusst gewesen war, ob er schwul sei oder nicht. Kontakt zu anderen Männern hatte er jedoch bereits mit 14 oder 15 Jahren. Nach der zehnten Klasse, also ca. mit 16 Jahren, hatte Holly Hocker eine Freundin, die er schwängerte. In der DDR war es üblich abzutreiben und so verlor er das Kind. Insgesamt zeugte er drei Kinder – das zweite während der Lehrzeit, welches ebenfalls abgetrieben wurde und das dritte mit seiner späteren Freundin, die das Kind jedoch verlor. Er war sogar damals verlobt und wollte heiraten.

Mit ungefähr 25 Jahren fiel Holly auf, dass etwas an ihm anders war. Er fing an sich für Männer zu interessieren.

Doch wie konnte er dieser Vorliebe damals nachgehen?

Er berichtet, dass er in der DDR heimlich andere Männer traf und auf private Veranstaltungen für Homosexuelle ging. In der Öffentlichkeit durfte er seine Vorlieben und Gefühle nicht zeigen. Dadurch wäre ein normales Leben, welches er führte, nicht mehr möglich und seine Karriere ebenfalls beendet gewesen. Schwule wurden beschimpft und waren ungern gesehen. Sie wurden ausgeschlossen und viele Leute mieden den Umgang mit ihnen, daher wurde es lieber geheim gehalten.

Holly Hocker outete sich später, als er verhaftet wurde. Holly wurde durch ein Schlüsselerlebnis zum Regimekritiker. Dies führte zu seiner Inhaftierung. Er setzte noch einen drauf, indem er sich outete. Er bekam mehr als 12 Monate Haft von denen er nur neun Monate inhaftiert war. Er wurde von der BRD freigekauft. So kam er in den Westen und machte hier seinen ersten AIDS-Test.

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QR- Code für ein Gedicht von holly hocker aus seinem Gedichtband – „wird negativ so positiv“ und „HIV-Test“

In Hamburg fand er seine große Liebe „O.“, mit dem er zwei Jahre lang eine Beziehung führte. Diese Liebe trieb ihn zum Gedichte schreiben, sodass er sogar ein Buch veröffentlichte. Heute ist „O.“ verheiratet und hat eine Tochter.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Homosexualität in der DDR weder toleriert, noch akzeptiert wurde. Schwule wurden als abstoßend empfunden und sogar in einer Rosa Liste geführt ähnlich wie dem rosa Dreieck aus dem Dritten Reich, welches Außenseiter kennzeichnete wie die Juden mit dem Davidstern. Im Laufe der Geschichte hat sich an der Toleranz in der Gesellschaft jedoch viel geändert. Angefangen von der Abschaffung des Paragraphen 175, zuerst in der DDR und später 1994 in der BRD, bis hin zur Erlaubnis der Ehe zwischen zwei Homosexuellen im Jahre 2001. Die Gesellschaft reagiert Schwulen gegenüber mittlerweile anders. Sie werden zunehmend akzeptiert und toleriert – Homosexualität tendiert zum „Normalen“ zu werden und das ist auch gut so!

Lena

25 Jahre Mauerfall – Ein Rückblick auf die Außenseiter der DDR – Punk in der DDR

Göttingen 2015 – »Anders sein. Außenseiter in der DDR« ist eine Themenreihe, die sich eine kleine Gruppe des Beruflichen Gymnasiums, kurz BGT zur Aufgabe gemacht hat. Wir wollen hier kleine Artikel zu folgenden Themen veröffentlichen:

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Unser heutiger Artikel berichtet über:

Punk in der DDR

Punk hat sich 1976 in England entwickelt. Mit einer kleinen Verzögerung von zwei Jahren fand er seinen Weg allerdings relativ schnell nach Deutschland.

So kam es, dass es schon 1978 die ersten Punks in der DDR gab. Zu diesem Zeitpunkt gab es jedoch nur ein paar kleinere Cliquen in Berlin. Dresden, Halle und Leipzig wurden später weitere Zentren der Punkszene. Gegen Ende der DDR wechselte das Epizentrum der Punkszene von Berlin nach Potsdam.

Foto : toomuchfuture; Punker

Foto : toomuchfuture; Punker

Während der Punk im Westen eine popkuluturelle Bewegung mit politischem Hintergrund war, war sie in der DDR eine politische Bewegung mit popkuluterellem Hintergrund. Der Punk war die Reaktion auf eine durchgeplante Gesellschaft, in der es selbst an elementarsten Grundfreiheiten fehlte. Der Punk war ein Weg, sich als Individuum in einer vereinheitlichten Gesellschaft wahrzunehmen. Ein Akt des Widerstandes gegen eine zwangskollektivierte Gesellschaft.

Punks waren schon immer eine Minderheit. Besonders in der DDR war dies problematisch, da es dort besonders wenige von ihnen gab und sie besonders stark angefeindet wurden. Auseinandersetzungen mit anderen Bewegungen, wie zum Beispiel Skinheads, waren nichts Ungewöhnliches. Diese Konflikte konnten aber auch ohne weiteres mit normalen Bürgern entstehen. Durch diese „Wir gegen den Rest der Welt“ – Mentalität entstand ein besonders starker Zusammenhalt. Einer für alle, alle für einen war das vorherrschende Motto. Dieser Zusammenhalt beschützte die Mitglieder der Szene vor Übergriffen, ließ sie aber auch selbst zu Tätern werden.

Foto : toomuchfuture

Foto : toomuchfuture

Während die Zahl der Punks in der DDR bis 1980 sehr gering blieb, stieg die Zahl zwischen 1980 und 1983 stark an. 1983 gab es ca. 900 Punks in der DDR. 400 davon alleine in Berlin. Mit diesem Wachstum begann auch die erste große Verfolgungswelle, welche von der K1 durchgeführt wurde. Die K1 war eine Politische Abteilung die direkt dem „Ministerium für Staatsicherheit“ (MfS) unterstellt war.

Auch wurde die Szene durch den großen Zuwachs elitärer. Das Szenebewusstsein wurde immer wichtiger und unter den Reihen der Neuzugänge wurde kräftig aussortiert. Wer nicht glaubwürdig vermitteln konnte, dass er den Punk auch wirklich lebt, nicht radikal genug war oder seine Klamotten einfach nicht ins Bild der älteren passten wurde seiner Punker-Kleidung beraubt und nach Hause geschickt. Auch verließ 1983 ein großer Teil die Szene und orientierte sich in eine rechtsextreme Richtung, da diese ebenfalls von einem anarchischen Weltbild geprägt war und weniger von der MfS verfolgt wurde.

Wurden zu Beginn der Bewegung noch alle Punks gleichmäßig von der Polizei mit Maßnahmen, wie Personenkontrollen oder Hausdurchsuchungen, drangsaliert, so konzentrierten sich die Maßnahmen mit Beginn der ersten Verfolgungswelle 1983 auf die Urpunks. Jüngere Punks, also die neue Generation, wurde größtenteils in Frieden gelassen, auch wenn sie stets damit rechnen mussten, auf der Straße angehalten zu werden. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Urpunks durch ihre politische Motivation, gegen den vorgeschriebenen Lebensablauf durch den Staat zu Punks geworden sind und sich damit öffentlich gegen das System stellten. Die neue Generation hat Punk wie im Westen als eine Popkultur behandelt. Besonders junge Punker konnten gut als „Inoffizielle Mitarbeiter“ (IM) angeheuert werden, um die Szene zu untergraben. Sie wurden mit Zigaretten, Geld oder Schallplatten bezahlt. Auch setzte das MfS Falschinformationen über nichtexistente IM in die Welt um die Szene von innen zu zersetzen. Besonders in der Musikbranche war es einfach, IM aus den Reihen der Punks anzuheuern. Auf diesem Weg wurde so gut wie jede Punkband der DDR von IM unterwandert. Der bekannteste IM in der Punkerszene war wahrscheinlich Sascha Anderson, der ehemalige Sänger der Band Zwitschermaschine. 1983 veröffentlichte er mit seiner Band und Schleim-Keim, einer anderen Punkband, das Album „DDR von unten“, welches als erstes Punkalbum der DDR gilt. Aufgrund verfassungswidriger Texte wurde Schleim-Keim zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, auch um ein Exempel zu statuieren. Zwitschermaschine blieb auf Grund von Andersons Aktivitäten als IM verschont. 

Foto : toomuchfuture

Foto : toomuchfuture

Um beliebig Punker festnehmen und über mehrere Tage ohne Anklage festhalten zu können, wurde der § 220 des Strafgesetzbuches („Öffentliche Herabwürdigung der staatlichen Ordnung“) 1979 eingeführt. Als Herabwürdigung der staatlichen Ordnung galt schon die Kleidung der Punker. Wurden Punker ohne Anzeige festgehalten, galten sie als Nichtinhaftiert wurden verhört, eingeschüchtert und es wurde meistens versucht sie als IM anzuwerben. Die Höchststrafe im Falle einer Anklage konnte mit bis zu zwei Jahren Haft ausfallen. Damit riskierte jeder Punk seine Freiheit, wenn er nur auf die Straße ging. Trotzdem stieg die Zahl der Punks in der DDR nach 1983 weiter an. Mit Maßnahmen wie Arbeitsentzug, Verhaftungen oder Gaststättenverbot wurde die Urpunkszene von 1983 auf 1984 gezielt zerschlagen.

Aus der kleinen zusammenhaltenden Szene wurde eine lose agierende Bewegung. Auch wurde die Szene wieder weniger elitär. Sie öffnete sich und wurde zu einer Spaß- und Freiheitsbewegung.

Es konnte mitmachen wer wollte. Ab 1986 wurde die Musik sogar vom Staat toleriert und auch die FDJ begann, Punkkonzerte zu veranstalten. Während der junge Punk immer mehr toleriert wurde, litten die Urpunks immer noch unter einer starken Verfolgung. Sie lehnten diese neue Bewegung daher ab und nannten sie geringschätzig „FDJ-Punks“.

Nach dem Mauerfall löste sich dir Punkbewegung im Osten fast komplett auf. Sie war gegen Ende der DDR schon auf ca. 600 Punks geschrumpft, während die Skinheadszene noch vor der Wende auf über 1000 Mitglieder anstieg. Viele Punks schlossen sich diese aufstrebenden Jugendbewegung an und tauschten, wie schon 1983, ihre linken Ideale gegen rechte. Es gingen auch viele in den Westen, wo die Szene sich mehr entfaltet hatte. Aber viele der Urpunks kamen dort nicht zurecht. Sie fühlten sich wie pensionierte Krieger. Auch so gut wie alle Punkbands lösten sich auf, da der Bedarf an ihnen aufgrund der großen Westkonkurrenz einfach nicht mehr vorhanden war.

Torben

Quellen

http://www.toomuchfuture.de/

http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/themen/156076/index.html

http://www.jugendopposition.de/index.php?id=1952

http://de.wikipedia.org/wiki/Punk_in_der_DDR

too much future

Bilder sind von toomuchfuture.de übernommen worden. Es liegt der Schule eine Genehmigung für diesen Artikel vor.

25 Jahre Mauerfall – Ein Rückblick auf die Außenseiter der DDR – REPUBLIKFLUCHT

Göttingen 2014 – »Anders sein. Außenseiter in der DDR« ist eine Themenreihe, die sich eine kleine Gruppe des Beruflichen Gymnasiums, kurz BGT, zur Aufgabe gemacht hat. Wir wollen hier kleine Artikel zu folgenden Themen veröffentlichen:

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Unser heutiger Artikel berichtet über:

Der Wunsch nach Freiheit – Die Flucht das Mittel der Wahl

Interview mit Gerlinde Hölzner

Alles begann mit circa 10 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg als die Russen die Ostgebiete eroberten und besetzten. Gerlinde flüchtete mit ihrer Schwester, ihren Eltern, ihrer Tante, ihrer Oma und einer weiteren Familie von Ostpreußen Richtung Wismar. In Wismar lebten die Familien dann in ihrem Auto. Wismar war zur damaligen Zeit von Kanadiern besetzt. Nachdem jedoch Deutschland unter den Alliierten aufgeteilt wurde, wurde Wismar den Russen zugesprochen. Die Kanadier verließen Wismar und wiesen Gerlinde und ihre Familie an mitzukommen. Aufgrund von Krankheit der Oma und Schwangerschaft von der Tante entschied sich die Familie zu bleiben.

Gerlinde und ein Teil ihrer Familie lebten in Wismar. Ein anderer Teil zog um nach Kaufungen, ein Ort nahe Kassel. Gerlinde und ihre Schwester reisten gelegentlichen nach Kaufungen. Durch zufällige Umstände verharrte Gerlindes Schwester in Westdeutschland und Gerlinde in Ostdeutschland als die endgültige Mauer gebaut wurde. Gerlinde und ihre Schwester wurden getrennt. Gerlinde bekam 10 Kinder von zwei verschiedenen Männern.
In diesem Interview soll es darum gehen wie Gerlinde zum Thema Flucht steht und warum man aus der DDR flüchten wollte, welche Folgen das Ganze haben konnte und wie die Menschen damit umgingen. Heute ist Gerlinde 80 Jahre alt.

„In wie fern stehen Sie mit dem Thema Flucht in Verbindung?
Nie waren meine Kinder oder ich mit dem System der DDR einverstanden. Immer wurde man beschränkt. Viele meiner Kinder haben versucht zu fliehen. Manche wurden gestoppt, manche haben es geschafft und heute wohnen wir alle in einem gemeinschaftlichen Deutschland.

Wussten Sie von den Fluchtversuchen ihrer Kinder? Wie liefen die Fluchtversuche ab?
Dass meine Söhne flüchten wollten, war mir bewusst, jedoch wurde dies nie ausgesprochen. Vieles wurde in der DDR nicht ausgesprochen, aber es wusste jeder. Drei meiner Söhne haben versucht während der Existenz der Mauer über die Tschechei in die BRD zu flüchten. Allerdings wurden sie verraten und in der Tschechei von der Stasi geschnappt. Meine Söhne wurden daraufhin in Berlin eingesperrt und kamen später ins „gelbe Elend“ nach Bautzen.“

Ich fragte Gerlinde wie sie zu der Flucht steht und ob sie Verständnis für die Fluchtversuche hat und hatte.
Gerlinde hat durchaus Verständnis für die Versuche ihrer Kinder zu flüchten. Eventuell hat sie auch selbst dazu beigetragen, dass es zu den Fluchtversuchen gekommen ist. Sie erzog ihre Kinder steht’s so, dass sie wussten, was Gerlinde selbst von der DDR hielt. Gerlinde war nie in einer Partei der DDR und hat auch den 1. Mai Marsch stets verweigert.

„Wie sahen die Konsequenzen aus?
Gerlinde war in der DDR als Krankenschwester im Krankenhaus tätig. Aufgrund mehrerer Umstände wurde sie dreimal versetzt. Die Versetzungen dienten stets zur Bestrafung. Die erste Versetzung erfolgte nach dem Ausreiseantrag ihrer Kinder. Die Flucht ihrer Söhne sorgte für noch mehr Ärger. Da Gerlinde in keiner Partei war, bekam sie keine Prämien und später wurde der ganzen Abteilung, in der Gerlinde arbeitete, die Prämie verweigert. So wurde ein Gruppenzwang und auch Druck auf Gerlinde ausgeübt. Wer in der DDR nicht in der richtigen Partei war und nicht am 1. Mai Marsch teilnahm wurde bestraft. DDR Flucht war noch weitaus schlimmer und Gerlinde bekam das oftmals zu spüren.

Wie ging es mit ihren Söhnen weiter?
Zur 40-Jahrfeier der DDR wurden die inhaftierten Söhne von Gerlinde begnadigt und konnten aus dem Gefängnis wieder nach Hause. Es blieb jedoch nicht bei diesem Fluchtversuch ihrer Söhne. Zwei der verhafteten Söhne versuchten es später noch einmal. In Gerlindes Familie dominiert der Wunsch nach Freiheit und der Flucht in den Westen. So flohen ein weiterer ihrer Söhne sowie eine Tochter. Einer gab vor in den Urlaub nach Polen zu fahren und nutzte die offenen Grenzen um über Polen zu fliehen. Zwei weitere Kinder flohen über Ungarn und ein vierter nutzte die Gelegenheit den Staat über Tschechien zu verlassen. Er kletterte über die Mauer der deutschen Botschaft in Prag und fuhr mit dem ersten Zug von Prag in die BRD.

Ich fragte Gerlinde wie es dazu kam, dass ihre Kinder aus der DDR flüchten wollten.
In der Geschichte dieser Familie spielte natürlich die Tatsache, dass Gerlindes Schwester im Westen lebte eine entschiedene Rolle. Sie besuchte Gerlinde und ihre Kinder immer wieder und brachte Dinge aus dem Westen mit. Zudem konnte man in Wismar, wenn man das richtige Fernsehgerät und ein bisschen Geld hatte, Westfernsehen empfangen. So schauten auch Gerlinde und ihre Kinder stets Westfernsehen. Sie wussten also was ihnen entging,

  • wenn sie nicht selber ihren Beruf wählen durften,
  • nicht selber entscheiden durften ob sie zur Oberschule gehen wollten oder nicht
  • wenn sie Pioniere sein mussten obwohl sie keinerlei Vaterlandsliebe empfanden.

Ein Schlüsselereignis, welches Gerlinde besonders in Erinnerung geblieben ist, war der Umstand, dass Gerlinde und ihr Mann einen Bauplatz und eine Baugenehmigung bekamen. Aber keine Ziegelsteine für den Bau eines Hauses. Auch gab es nur eine einzige Wandfarbe für alle Räume in dunkelbraun. Gerlinde machte dieser Umstand wütend und so ergab es sich eines Tages, dass Gerlinde einen Brief an Walter Ulbricht schrieb, indem sie darüber klagte, dass sie einen Bauplatz und sogar eine Baugenehmigung habe aber keine Ziegelsteine für den Bau des Hauses. Sie hatte Erfolg mit ihrem Brief und bekam Ziegelsteine. Jedoch wurden diese Steine nachts mit dem Zug angeliefert. So dass Gerlinde, ihr Mann und ihre Kinder den Zug nachts abladen durften. Wie diese Geschichte zeigt musste man in der DDR kreativ sein, so wie bei vielen anderen Sachen auch. Es gab keine Waschbecken. Gerlinde und ihr Mann nutzten ein Friseurwaschbecken zum Abwaschen. Die Heizung wurde schwarz besorgt sowie die Kohlen und vieles andere mehr. Sie bekamen diese Sachen meist von den Russen im Tausch gegen Alkohol. Gerlinde hatte stets das Gefühl die Gesellschaft sei in zwei Klassen aufgeteilt. Auf der einen Seite sah sie die Arbeiter, zu denen sie sich selbst zählte und auf der anderen Seite die so genannten Funktionäre. Hierzu zählten alle Menschen, die aus dem Kreis arbeiteten, die Volkspolizei und andere staatliche Stellen.
Dies alles waren Gründe die Gerlindes Kinder zur Flucht bewegten. Wir glauben, dass es ähnliche Gründe waren bei anderen Familien aus der DDR.

Helene und Johannes