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25 Jahre Mauerfall – Ein Rückblick auf die Außenseiter der DDR – STASI und Haft

Göttingen 2014 – »Anders sein. Außenseiter in der DDR« ist eine Themenreihe, die sich eine kleine Gruppe des Beruflichen Gymnasiums, kurz BGT, zur Aufgabe gemacht hat. Wir wollen hier kleine Artikel zu folgenden Themen veröffentlichen:

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Unser heutiger Artikel berichtet über:

Das traurige Leben der Melanie Kollatzsch

Melanie Kollatzsch besuchte zuletzt als Zeitzeugin 2011 die BBS II Göttingen. Die Schule zeichnete den Besuch auf. So dass für diesen Artikel das Rohmaterial vom Gespräch mit Melanie Kollatzsch zur Verfügung stand. Mit diesem Artikel wollen wir Melanies traurige Geschichte erzählen und zeigen, dass es den politisch Gefangenen der ersten Stunde nicht so gut ging, wie denen, die danach folgten.

Melanie erzählt sehr eindrucksvoll, wie man nach dem Zweiten Weltkrieg in den Besatzungszonen lebte, welche Ungerechtigkeiten dort herrschten und für welche „Delikte“ man inhaftiert wurde – wer steht für solche Fragen heute noch zur Verfügung?

Gesicht zur Wand

Bei ihrem letzten Besuch sahen Schülerinnen und Schüler den Dokumentarfilm „Gesicht zur Wand“, der Melanie zeigt, wie sie Strafanstalten und Gefängnisse in der ehemaligen SBZ besucht und dabei erzählte, was ihr dort von 1947 bis 1962 widerfahren ist. Welche Ungerechtigkeiten sie als “Deutsche“ aus dem Rheinland ausgesetzt war und wegen welcher  Banalität sie inhaftiert und zuerst zum Tode verurteilt und später zu 25 Jahren Zwangsarbeit begnadigt wurde. Auch als 1949 aus der SBZ die DDR wurde, glaubte ihr niemand, dass sie ursprünglich als gerade Mal 19-Jährige nur zu Besuch in die SBZ gekommen war um ihren Eltern von ihrer Verlobung mit einem englischen Major zu erzählen. Selbst nach ihrer Haftentlassung 1962 gilt sie weiterhin als Klassenfeindin, als Verräterin.

Im Film sowie im anschließenden Gespräch stellt Melanie Kollatzsch eindrucksvoll die Nachkriegszeit, die Entstehung der SBZ bis zur DDR, das DDR-Regime im getrennten Deutschland sowie die Wiedervereinigung dar. Sie erzählt von den Schattenseiten und Ungerechtigkeiten der Nachkriegszeit, vom Polizeistaat DDR, in dem jeder jeden bespitzelte, so dass sich selbst gute Freunde misstrauten.

Verlorene Jugend

Nach eineinhalb Stunden sichten des Rohmaterials war mir klar, wie brutal Melanie Kollatzsch ihrer Jugend und sogar ihrer Liebe beraubt wurde. Als junge Frau kam Melanie 1947 in die SBZ zu Besuch zu ihren Eltern und wollte ihnen von ihrer Verlobung und anstehenden Hochzeit erzählen. Doch es kam alles anders. Wenige Tage in der SBZ wird Melanie wegen Spionage, Boykott-hetze und illegalem Grenzübergang von den russischen Besatzern verhaftet. Da sie als Dolmetscherin für Englisch arbeitete und auch so ihren Verlobten kennenlernte, der ein englischer Major war, wurde sie der Spionage bezichtigt. Die Russen interessierten sich nicht für ihre Belange und glaubten der jungen Frau im seidenen Sommerkleid nicht.

Kurz darauf wurde Melanie zunächst zum Tode und später von den abziehenden Russen begnadigt und zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Sie saß drei Monate alleine in einer kleinen Zelle ohne Pritsche nur mit einer Decke und einem Eimer für die Notdurft. In den drei Monaten erhielt sie keine Möglichkeit sich zu waschen oder gar die Kleidung zu wechseln. Sie trug nach wie vor ihr seidenes Sommerkleid. Der Schock ihrer Inhaftierung und die Angst lies die Monatsblutung einstellen. Nach den drei Monaten übernahm eine erste deutsche Übergangsregierung die Macht in der entstehenden DDR. Melanie hatte Hoffnung, dass nun alles gut und der Fehler ihrer Inhaftierung erkannt würde. Doch nichts geschah. Im Gegenteil, die Interimsregierung war noch schlimmer als die Russen.

Bald kam Melanie in ein anderes Gefängnis, indem sie erstmals andere Kleidung bekam und sich waschen konnte. In insgesamt elf Gefängnissen in 15 ½ Jahren wechselte sie. Jedes war anders. In einigen war sie in Einzelhaft in anderen in kleinen Gruppen, was Melanie als angenehm empfand, da sie sich endlich mal austauschen konnte. Während ihrer Einzelhaft beschäftigte sie sich mit Rechenaufgaben, die sie sich selbst ausdachte, sang vor sich hin um ihr Gehör zu trainieren. In all den Jahren war es Melanie nicht möglich in einen Spiegel zu sehen, da in den meisten Gefängnissen kein Spiegel vorhanden war. So könnte sie die körperlichen Veränderungen nicht nachvollziehen und erschrak als sie sich zum ersten Mal nach gut zehn Jahren im Spiegel sah. Aus dem damals jungen 19-jährigen Mädchen war nun eine Frau von gut 30 Jahren geworden.

An dieser Stelle fragt man sich wirklich:

Wie können Menschen, Menschen so etwas antun? (Bärbel Große)

Auch erlebte Melanie den 17. Juni 1953 in Haft. Ihre Zelle wurde für gut einen Tag aufgeschlossen, doch die Angst ließ sie die Zelle nicht verlassen. Am nächsten Tag wurde sie wieder versperrt und es war alles wie gehabt. Außer dass das Gefängnis auf einmal überfüllt war mit neuen politischen Gefangenen, die am 17. Juni auf die Straßen gegangen waren.

Tragisch für Melanie war ihre vorzeitige Entlassung im Jahre 1962 genau nach dem Mauerbau. Melanie beschreibt die Entlassung aus dem Gefängnis als eine Entlassung in ein viel größeres Gefängnis, so empfand sie die DDR. In all den Jahren nach ihrer Entlassung war die STASI immer an ihren Fersen. Sie führte in all den Jahren kein normales Leben. Auch ging sie nie eine Beziehung ein.

Melanie beschreibt den Mauerfall 1989 als Erlösung und wirkliche Freiheit. Endlich kam sie wirklich frei und konnte ihr Leben in echter Freiheit leben. Sie ist daher ein wahrer Freund der Demokratie und freiheitlichen Selbstverantwortung. „Unsere Freiheit ist ein hohes Gut, das es zu verteidigen gilt.“

2011 Melanie Kollatzsch

2011 Melanie Kollatzsch in der BBS II Göttingen – Mensa

Zwei Zitate möchte ich an dieser Stelle auch noch anbringen:

„Ich hasse heute nicht so sehr, wie ich gewisse Personen verachte. Aber ihnen nun das gleiche anzutun, ist auch nicht mein Charakter.“

„Ich besuche Schulen und stehe für Demokratie und Freiheit, weil ich nicht will das Diktaturen entstehen egal welcher Color, ob rot, braun, schwarz oder sonst wie. Sie führen immer zu Hass- und Unrechtsurteilen. Wer in einer Demokratie schläft, wird in einer Diktatur aufwachen! Seid wachsam und tretet für mehr Demokratie und Freiheit ein.“

Ich war fasziniert und erschüttert zugleich vom Rohmaterial und vom Leben der sympathischen alten Dame. Wir dürfen auch diese Seite der DDR nicht vergessen. Es war nicht alles gut.

Torben

25 Jahre Mauerfall – Ein Rückblick auf die Außenseiter der DDR – Homosexualität

Göttingen 2015 – »Anders sein. Außenseiter in der DDR« ist eine Themenreihe, die sich eine kleine Gruppe des Beruflichen Gymnasiums, kurz BGT zur Aufgabe gemacht hat. Wir wollen hier kleine Artikel zu folgenden Themen veröffentlichen:

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Unser heutiger Artikel berichtet über:

Homosexualität in der DDR

Am 17. Oktober 2014 wurde es unserer Klasse möglich anhand eines Zeitzeugengesprächs mit Holger Girr, näheres über Homosexualität in der DDR zu erfahren.

Dass Homosexualität in der damaligen DDR bis 1968 verboten war, ist den meisten Leuten bekannt. Trotzdem gibt es noch immer viele Fragen zu diesem Thema – Die möchten wir durch Antworten aus einem Interview mit einem Zeitzeugen, der den Künstlernamen Holly Hocker trägt, beantworten. Dabei werden die Ausmaße der Intoleranz gegenüber Homosexuellen in der DDR deutlich.

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QR- Code für ein Gedicht von holly hocker aus seinem Gedichtband

Zuerst einmal fragen wir uns: Inwiefern wurden Homosexuelle in der Gesellschaft akzeptiert? Bis 1968 gab es in dem Gesetz der DDR den Paragraphen 175, nach dem tausende homosexuelle Männer verurteilt und ins Gefängnis oder ins Zuchthaus gesperrt wurden. Obwohl 1968 der Schwulenparagraph 175 gestrichen wurde, bekamen Homosexuelle offiziell weder Akzeptanz noch Gleichberechtigung in der DDR-Gesellschaft. Dies sah in einigen größeren Städten der DDR, wie z.B. in Berlin anders aus. Hier gab es sogar ab den 68iger Jahren Schwulenbewegungen, doch in den dörflicheren Regionen der DDR waren Schwule nach wie vor nicht gern gesehen.

Des Weiteren möchten wir auf das Leben und die Erfahrungen unsere Zeitzeugen eingehen.

Unser Zeuge Holly Hocker wurde in Schwerin geboren und ist in der Deutschen demokratischen Republik, zusammen mit drei weiteren Geschwistern, aufgewachsen. Er hatte durch eine seltene Hormonkrankheit und den Mord an seinem Vater bereits in frühen Jahren kein leichtes Leben.

Holly Hocker besuchte zehn Jahre lang die Schule und machte eine Lehre, wie die meisten Kinder damals. Er entschied sich für eine Ausbildung zum Finanzkaufmann und wurde mit 16 Jahren jüngster Versicherungsinspektor in der DDR.

Der Zeuge berichtet, dass ihm solange er in der DDR gelebt hatte nicht bewusst gewesen war, ob er schwul sei oder nicht. Kontakt zu anderen Männern hatte er jedoch bereits mit 14 oder 15 Jahren. Nach der zehnten Klasse, also ca. mit 16 Jahren, hatte Holly Hocker eine Freundin, die er schwängerte. In der DDR war es üblich abzutreiben und so verlor er das Kind. Insgesamt zeugte er drei Kinder – das zweite während der Lehrzeit, welches ebenfalls abgetrieben wurde und das dritte mit seiner späteren Freundin, die das Kind jedoch verlor. Er war sogar damals verlobt und wollte heiraten.

Mit ungefähr 25 Jahren fiel Holly auf, dass etwas an ihm anders war. Er fing an sich für Männer zu interessieren.

Doch wie konnte er dieser Vorliebe damals nachgehen?

Er berichtet, dass er in der DDR heimlich andere Männer traf und auf private Veranstaltungen für Homosexuelle ging. In der Öffentlichkeit durfte er seine Vorlieben und Gefühle nicht zeigen. Dadurch wäre ein normales Leben, welches er führte, nicht mehr möglich und seine Karriere ebenfalls beendet gewesen. Schwule wurden beschimpft und waren ungern gesehen. Sie wurden ausgeschlossen und viele Leute mieden den Umgang mit ihnen, daher wurde es lieber geheim gehalten.

Holly Hocker outete sich später, als er verhaftet wurde. Holly wurde durch ein Schlüsselerlebnis zum Regimekritiker. Dies führte zu seiner Inhaftierung. Er setzte noch einen drauf, indem er sich outete. Er bekam mehr als 12 Monate Haft von denen er nur neun Monate inhaftiert war. Er wurde von der BRD freigekauft. So kam er in den Westen und machte hier seinen ersten AIDS-Test.

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QR- Code für ein Gedicht von holly hocker aus seinem Gedichtband – „wird negativ so positiv“ und „HIV-Test“

In Hamburg fand er seine große Liebe „O.“, mit dem er zwei Jahre lang eine Beziehung führte. Diese Liebe trieb ihn zum Gedichte schreiben, sodass er sogar ein Buch veröffentlichte. Heute ist „O.“ verheiratet und hat eine Tochter.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Homosexualität in der DDR weder toleriert, noch akzeptiert wurde. Schwule wurden als abstoßend empfunden und sogar in einer Rosa Liste geführt ähnlich wie dem rosa Dreieck aus dem Dritten Reich, welches Außenseiter kennzeichnete wie die Juden mit dem Davidstern. Im Laufe der Geschichte hat sich an der Toleranz in der Gesellschaft jedoch viel geändert. Angefangen von der Abschaffung des Paragraphen 175, zuerst in der DDR und später 1994 in der BRD, bis hin zur Erlaubnis der Ehe zwischen zwei Homosexuellen im Jahre 2001. Die Gesellschaft reagiert Schwulen gegenüber mittlerweile anders. Sie werden zunehmend akzeptiert und toleriert – Homosexualität tendiert zum „Normalen“ zu werden und das ist auch gut so!

Lena