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25 Jahre Mauerfall – Ein Rückblick auf die Außenseiter der DDR – REPUBLIKFLUCHT

Göttingen 2014 – »Anders sein. Außenseiter in der DDR« ist eine Themenreihe, die sich eine kleine Gruppe des Beruflichen Gymnasiums, kurz BGT, zur Aufgabe gemacht hat. Wir wollen hier kleine Artikel zu folgenden Themen veröffentlichen:

3Anderssein-Blog

Unser heutiger Artikel berichtet über:

Der Wunsch nach Freiheit – Die Flucht das Mittel der Wahl

Interview mit Gerlinde Hölzner

Alles begann mit circa 10 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg als die Russen die Ostgebiete eroberten und besetzten. Gerlinde flüchtete mit ihrer Schwester, ihren Eltern, ihrer Tante, ihrer Oma und einer weiteren Familie von Ostpreußen Richtung Wismar. In Wismar lebten die Familien dann in ihrem Auto. Wismar war zur damaligen Zeit von Kanadiern besetzt. Nachdem jedoch Deutschland unter den Alliierten aufgeteilt wurde, wurde Wismar den Russen zugesprochen. Die Kanadier verließen Wismar und wiesen Gerlinde und ihre Familie an mitzukommen. Aufgrund von Krankheit der Oma und Schwangerschaft von der Tante entschied sich die Familie zu bleiben.

Gerlinde und ein Teil ihrer Familie lebten in Wismar. Ein anderer Teil zog um nach Kaufungen, ein Ort nahe Kassel. Gerlinde und ihre Schwester reisten gelegentlichen nach Kaufungen. Durch zufällige Umstände verharrte Gerlindes Schwester in Westdeutschland und Gerlinde in Ostdeutschland als die endgültige Mauer gebaut wurde. Gerlinde und ihre Schwester wurden getrennt. Gerlinde bekam 10 Kinder von zwei verschiedenen Männern.
In diesem Interview soll es darum gehen wie Gerlinde zum Thema Flucht steht und warum man aus der DDR flüchten wollte, welche Folgen das Ganze haben konnte und wie die Menschen damit umgingen. Heute ist Gerlinde 80 Jahre alt.

„In wie fern stehen Sie mit dem Thema Flucht in Verbindung?
Nie waren meine Kinder oder ich mit dem System der DDR einverstanden. Immer wurde man beschränkt. Viele meiner Kinder haben versucht zu fliehen. Manche wurden gestoppt, manche haben es geschafft und heute wohnen wir alle in einem gemeinschaftlichen Deutschland.

Wussten Sie von den Fluchtversuchen ihrer Kinder? Wie liefen die Fluchtversuche ab?
Dass meine Söhne flüchten wollten, war mir bewusst, jedoch wurde dies nie ausgesprochen. Vieles wurde in der DDR nicht ausgesprochen, aber es wusste jeder. Drei meiner Söhne haben versucht während der Existenz der Mauer über die Tschechei in die BRD zu flüchten. Allerdings wurden sie verraten und in der Tschechei von der Stasi geschnappt. Meine Söhne wurden daraufhin in Berlin eingesperrt und kamen später ins „gelbe Elend“ nach Bautzen.“

Ich fragte Gerlinde wie sie zu der Flucht steht und ob sie Verständnis für die Fluchtversuche hat und hatte.
Gerlinde hat durchaus Verständnis für die Versuche ihrer Kinder zu flüchten. Eventuell hat sie auch selbst dazu beigetragen, dass es zu den Fluchtversuchen gekommen ist. Sie erzog ihre Kinder steht’s so, dass sie wussten, was Gerlinde selbst von der DDR hielt. Gerlinde war nie in einer Partei der DDR und hat auch den 1. Mai Marsch stets verweigert.

„Wie sahen die Konsequenzen aus?
Gerlinde war in der DDR als Krankenschwester im Krankenhaus tätig. Aufgrund mehrerer Umstände wurde sie dreimal versetzt. Die Versetzungen dienten stets zur Bestrafung. Die erste Versetzung erfolgte nach dem Ausreiseantrag ihrer Kinder. Die Flucht ihrer Söhne sorgte für noch mehr Ärger. Da Gerlinde in keiner Partei war, bekam sie keine Prämien und später wurde der ganzen Abteilung, in der Gerlinde arbeitete, die Prämie verweigert. So wurde ein Gruppenzwang und auch Druck auf Gerlinde ausgeübt. Wer in der DDR nicht in der richtigen Partei war und nicht am 1. Mai Marsch teilnahm wurde bestraft. DDR Flucht war noch weitaus schlimmer und Gerlinde bekam das oftmals zu spüren.

Wie ging es mit ihren Söhnen weiter?
Zur 40-Jahrfeier der DDR wurden die inhaftierten Söhne von Gerlinde begnadigt und konnten aus dem Gefängnis wieder nach Hause. Es blieb jedoch nicht bei diesem Fluchtversuch ihrer Söhne. Zwei der verhafteten Söhne versuchten es später noch einmal. In Gerlindes Familie dominiert der Wunsch nach Freiheit und der Flucht in den Westen. So flohen ein weiterer ihrer Söhne sowie eine Tochter. Einer gab vor in den Urlaub nach Polen zu fahren und nutzte die offenen Grenzen um über Polen zu fliehen. Zwei weitere Kinder flohen über Ungarn und ein vierter nutzte die Gelegenheit den Staat über Tschechien zu verlassen. Er kletterte über die Mauer der deutschen Botschaft in Prag und fuhr mit dem ersten Zug von Prag in die BRD.

Ich fragte Gerlinde wie es dazu kam, dass ihre Kinder aus der DDR flüchten wollten.
In der Geschichte dieser Familie spielte natürlich die Tatsache, dass Gerlindes Schwester im Westen lebte eine entschiedene Rolle. Sie besuchte Gerlinde und ihre Kinder immer wieder und brachte Dinge aus dem Westen mit. Zudem konnte man in Wismar, wenn man das richtige Fernsehgerät und ein bisschen Geld hatte, Westfernsehen empfangen. So schauten auch Gerlinde und ihre Kinder stets Westfernsehen. Sie wussten also was ihnen entging,

  • wenn sie nicht selber ihren Beruf wählen durften,
  • nicht selber entscheiden durften ob sie zur Oberschule gehen wollten oder nicht
  • wenn sie Pioniere sein mussten obwohl sie keinerlei Vaterlandsliebe empfanden.

Ein Schlüsselereignis, welches Gerlinde besonders in Erinnerung geblieben ist, war der Umstand, dass Gerlinde und ihr Mann einen Bauplatz und eine Baugenehmigung bekamen. Aber keine Ziegelsteine für den Bau eines Hauses. Auch gab es nur eine einzige Wandfarbe für alle Räume in dunkelbraun. Gerlinde machte dieser Umstand wütend und so ergab es sich eines Tages, dass Gerlinde einen Brief an Walter Ulbricht schrieb, indem sie darüber klagte, dass sie einen Bauplatz und sogar eine Baugenehmigung habe aber keine Ziegelsteine für den Bau des Hauses. Sie hatte Erfolg mit ihrem Brief und bekam Ziegelsteine. Jedoch wurden diese Steine nachts mit dem Zug angeliefert. So dass Gerlinde, ihr Mann und ihre Kinder den Zug nachts abladen durften. Wie diese Geschichte zeigt musste man in der DDR kreativ sein, so wie bei vielen anderen Sachen auch. Es gab keine Waschbecken. Gerlinde und ihr Mann nutzten ein Friseurwaschbecken zum Abwaschen. Die Heizung wurde schwarz besorgt sowie die Kohlen und vieles andere mehr. Sie bekamen diese Sachen meist von den Russen im Tausch gegen Alkohol. Gerlinde hatte stets das Gefühl die Gesellschaft sei in zwei Klassen aufgeteilt. Auf der einen Seite sah sie die Arbeiter, zu denen sie sich selbst zählte und auf der anderen Seite die so genannten Funktionäre. Hierzu zählten alle Menschen, die aus dem Kreis arbeiteten, die Volkspolizei und andere staatliche Stellen.
Dies alles waren Gründe die Gerlindes Kinder zur Flucht bewegten. Wir glauben, dass es ähnliche Gründe waren bei anderen Familien aus der DDR.

Helene und Johannes